Nontandos großer Traum
Plötzlich herrscht Ordnung auf dem Platz. Die jüngeren Kinder sitzen mit gespannten Gesichtern etwas abseits auf der Wiese. Auf dem Fußballfeld, dort, wo vorhin noch um Trikots und Ball gestritten wurde, warten 22 Jugendliche nur darauf, dass ihr Betreuer endlich in die Plastik-Trillerpfeife pustet. Und dann: der Pfiff. Endlich kann es losgehen. Der Bolzplatz ist nur eine Wiese voller Schlaglöcher, eingeklemmt zwischen Bauwagen und einer mit Graffiti beschmierten Mauer. Dahinter reihen sich gleich die so genannten Shacks, niedrige Hütten aus Wellblech, aneinander. Statt der Tore haben die Mannschaften auf jeder Seite zwei morsche Pfähle in den trockenen Boden gerammt. Überall auf dem Rasen liegen Glasscherben und Zigarettenkippen, doch der Star des Matchs spielt barfuß. Nontando Mafilika hat keine Turnschuhe. Dafür reicht zu Hause das Geld nicht, und ihre ausgetretenen Gummisandalen sind zum Sport nicht zu gebrauchen. Also stürmt sie nach dem Anpfiff eben ohne los. Die 13-Jährige ist eines der wenigen Mädchen auf dem Platz. Deshalb zeigt sie erst recht keine Schwäche – selbst, wenn sie im vollen Lauf in einen Splitter tritt. „Die lassen mich sonst nie wieder mitspielen. Weinen ist verboten. Und außerdem: Das tut gar nicht so weh.“
Fußball aus Plastiktüten

Nontando träumt in ihrem Kinderzimmer davon, eines Tages ein anderes Leben zu führen. Nontando und ihre vier Kolleginnen auf dem Platz müssen sich in dem Spiel nämlich nicht nur gegen ihre Gegner durchsetzen, sondern auch gegen die eigene Mannschaft. Die Jungen in den Teams sind gar nicht davon begeistert, dass bei ihnen auch Mädchen mitspielen dürfen. Aber so sind die Regeln in dem Kapstädter Township-Club Masakhane, der von Salesianern und der Jugendkommission der Erzdiözese gefördert wird. Bevor sich die Jungen um die einzige Möglichkeit bringen, überhaupt gegen ein anderes Team zu spielen, nehmen sie lieber die Mädchen in Kauf. Denn bei Masakhane bekommen sie vom Betreuer Taski Sithole einen richtigen Fußball und Trikots, die Spender aus Deutschland gestiftet haben. Das ist großer Luxus: Andere Kinder im Township müssen sich selbst eine Kugel aus ineinander gewrungenen Plastiktüten basteln.
„Die Mädels sind einfach zu langsam für uns“, oder „Pah, von denen lassen wir uns doch nicht austanzen“, hatten Nontandos Bruder Matthews und seine Freunde Myolisi und Thamsanqa noch vor dem Spiel geprahlt. Besonders eine Extra-Regel macht ihnen schwer zu schaffen: Das erste Tor muss von einem Mädchen geschossen werden, sonst zählen alle anderen Treffer nicht. „So erreichen wir, dass die Jungs auch mal den Ball abgeben“, erklärt Taski Sithole, der Masakhane-Coach. „Anfangs nervt sie das vielleicht, aber irgendwann erkennen sie, dass Mädchen auch etwas können und bekommen Respekt vor ihnen.“ So einsichtig sind Matthews und seine Freunde noch nicht. „Dieser Zwang ist dumm. So fällt nie ein Tor.“
Doch Nontando legt sich richtig ins Zeug. Sie fegt über den Platz und erkämpft sich mit Knien und Ellenbogen jeden Ball. „Gib ab, gib ab!“, schreit sie ihre Teamkollegen an. Vor diesen Angebern hat sie überhaupt keine Angst. In jedem Zweikampf auf dem Spielfeld ist sie mittendrin. Wenn ihr die anderen im Gerangel auf die nackten Füße treten, spornt sie das noch mehr an.
Und dann, in der 18. Minute, ist es endlich so weit: Nontando schießt das erste Tor. Sie stößt einen schrillen Freudenschrei aus, reißt die dünnen Arme in die Luft und rennt zu ihrer Mannschaft. Auch die Jungs jubeln ihr plötzlich zu. Sie rupfen an Nontandos Trikot, wollen alle in ihre offenen Handflächen schlagen. „Na, dann können wir jetzt auch endlich loslegen“, rufen sie sich zu. Nach Nontandos Tor zählen für ihre Mannschaft jetzt alle Treffer, nicht mehr nur die von Mädchen. Im Freudentaumel dreschen sie nun so hart auf den alten Fußball ein, dass der ein paar Minuten später platt ist. Egal – Hauptsache, das Spiel geht weiter.
Trister Township-Alltag

Hier in Kayelithsa ist Fußball die einzige Abwechslung, die Kinder und Jugendliche haben, der Alltag im Township ist trist. Ihre Eltern sind arbeitslos, oft auch HIV-positiv. Da ist zum Beispiel der 17-jährige Myolisi, der in der Mannschaft als Stürmer spielt. Seine Mutter ist an Aids gestorben. Auch Nontandos und Matthews Familienverhältnisse sind nicht unproblematisch. Das Geld langt nie, auch, weil ihr Vater die Familie schon längst verlassen hat. Warum, wissen die Kinder nicht genau. Vielleicht, weil er in Kayelitsha keine Arbeit fand, hat ihre Mutter ihnen gesagt. Wo er heute steckt, wissen sie auch nicht. Ihre Mutter muss jetzt allein für die Familie sorgen. Kein Sonderfall in Südafrika: Frauen haben es dort besonders schwer, sich zu behaupten. Jede dritte wird von ihrem Partner geschlagen, ebenso viele werden einmal im Leben vergewaltigt oder Opfer von sexueller Belästigung. Laut Statistik wird in Südafrika alle 35 Sekunden einer Frau Gewalt angetan.
„Wenn ich erwachsen bin, spiele ich bei den Kaizer Chiefs.“
Keine guten Zukunftsaussichten für Nontando. Doch ihr wird es nicht so ergehen wie ihrer Mutter und all den anderen Frauen in Kayelithsa, da ist sie sich sicher. Sie will später nicht mehr im Township leben – dank ihres Fußballtalents. „Wenn ich erwachsen bin, spiele ich bei den Kaizer Chiefs“, sagt sie. Die Kaizer Chiefs sind die erfolgreichste südafrikanische Mannschaft – mit neun gewonnenen Meisterschaften seit der Gründung 1970 sind die Kicker Rekordmeister des Landes. „Aber ich werde natürlich nicht im Männerteam mitspielen. Ich würde gern den ersten südafrikanischen Frauenclub gründen. Das wäre toll.“ Für dieses ehrgeizige Ziel übt sie fast jeden Nachmittag. Entweder spielt sie mit Schulfreunden auf dem schmalen Grünstreifen neben der Autobahn, die direkt an Kayelitsha vorbei führt. Oder sie geht zum Training des Township-Clubs Masakhane.
Rosa Kissen statt Fußballposter
Auch ihre Familie ist der Meinung, Fußball sei kein Sport für Mädchen. „Meine Mutter hat mir vorgeschlagen, doch lieber Volleyball zu spielen. Das wäre etwas für Mädchen“, erzählt Nontando. „Ich hab das auch versucht, aber das hat einfach nicht so viel Spaß gemacht.“ In ihrem Zimmer hatte sie Poster ihres Lieblingsspielers Thabo Mooki aufgehängt. Mooki, heute im Mittelfeld bei den Kaizer Chiefs, hat sich aus dem Johannesburger Township Soweto zum Fußballstar hochgearbeitet – genau so, wie es sich Nontando erträumt. Doch die schönen Hochglanzplakate hat ihre Mutter einfach von den Wänden gerissen. Statt dessen schenkte sie ihr ein rosa Kissen mit der Aufschrift „Princess“. Das liegt jetzt auf ihrem Bett.

Der Masakhane-Coach Taski hat die Mutter schließlich überredet, dass Nontando weiterspielen darf. Seit acht Jahren trainiert er jetzt schon die Kinder des Townships. So will er sie von der Straße holen. „So lange die Kids Fußball spielen, kommen sie nicht auf dumme Gedanken.“ Bei ihm selbst, so erzählt er, hat dieses Prinzip ebenfalls funktioniert. „Ich bin auch im Township groß geworden. Da wurden viele krumme Dinger gedreht. Aber Fußball hat mich davon abgehalten, mitzumachen.“ Angefangen hat er seine Arbeit mit einer reinen Jungenmannschaft, erst vor kurzem kamen die Mädchen dazu. „Mit Hilfe des Sports zeigen wir den Jugendlichen, was in ihnen steckt. Gerade den Jungs möchten wir klar machen, dass Mädchen mehr drauf haben, als sie denken“, sagt Taski. „Wir wollen, dass die Mädchen anerkannt werden.“
Bis dahin muss Taski noch Überzeugungsarbeit leisten. Sogar er kann über Nontandos Pläne von einer eigenen Frauenmannschaft nur lachen. Denn auch die Männer wissen, was Diskriminierung bedeutet. Schließlich war es in Südafrika bis zum offiziellen Ende der Apartheid selbst schwarzen Männern verboten, in der Landesliga zu spielen. Und jetzt will eine schwarze Frau mitmischen?
Nontandos Traum

Als Taski das Spiel abpfeift, hat Nontandos Mannschaft drei zu zwei gewonnen. Die 13-Jährige hat nicht nur das erste Tor geschossen, sondern noch ein weiteres gemacht und den entscheidenden Pass gespielt, der schließlich zum Siegtreffer führte. Sie platzt fast vor Stolz auf ihre Leistung, genauso wie ihr Bruder. Matthews gibt vor seinen Freunden ein bisschen an mit seiner kleinen Schwester. „Aber dass eines klar ist“, sagt er, „das hat sie alles von mir gelernt.“ Nontando lacht. Sie weiß, sie spielt besser als ihr Bruder, aber laut sagen würde sie das nie. Schließlich braucht sie noch einen Trainingspartner, bis sie bei den Kaizer Chiefs aufgenommen wird.
Reportage von Julia Bönisch
Fotos © Fritz Stark